Das Fundament des Lebens sicher bauen

Das erste Lebensjahr eines Kindes ist ein ganz besonderes – der Grundstein für die weitere Entwicklung wird gelegt und das Kind lernt in kurzer Zeit so viel, wie nie mehr in seinem Leben. Eltern kommt hierbei eine wichtige Bedeutung zu. Gehen sie feinfühlig mit ihrem Kind im Alltag um, so wird das Kind eine sichere Eltern-Kind-Bindung aufbauen und hat damit beste Voraussetzungen, eine stabile Identität mit einem gesunden Selbstwert zu entwickeln.  Doch wie entsteht Bindung überhaupt und wie schaut ein bindungsförderlicher Umgang mit Kindern im Alltag aus?

Was ist Bindung?

Bindung meint die besondere Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern oder Personen, die es beständig betreuen. Sie liegt in den Emotionen verankert und verbindet das Individuum mit diesen besonderen Bindungspersonen über Raum und Zeit hinweg. Bindungen aufzubauen und zu erhalten ist charakteristisch für Menschen. Es zählt zu den menschlichen Grundbedürfnissen, ebenso wie körperliche Grundbedürfnisse, Erkundungsfreude, Anregung der Sinne, Abwehr von unangenehmen und schmerzhaften Reizen und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit („Ich kann etwas bewirken. Ich bin handlungsfähig, nicht ohnmächtig“).  Ein Kind wäre ohne menschliche Zuwendung, Ernährung, Pflege und Betreuung durch erfahrene Erwachsene nicht überlebensfähig.

Wie entsteht Bindung?

Die Bindungsentwicklung vollzieht sich in mehreren Phasen im engen Wechselspiel der Gehirnreifung und der sozialen Erfahrungen. Diese sind kompakt und verständlich hier nachzulesen. Nach meinem Empfinden beginnt der Beziehungsaufbau zwischen Eltern und Kind auch schon in der Schwangerschaft. Viele Paare nehmen schon in der Schwangerschaft Kontakt zu ihrem Baby auf. Den Bauch streicheln, Schlaflieder summen, dem Kind im Mutterleib zärtliche Worte zuflüstern, all diese Interaktionen gehören zur Startphase der ganz besonderen und ungemein wichtigen Beziehung zwischen Eltern und Kind. Doch auch das Baby, das ja im Uterus noch nichts von der Welt wissen kann, meldet sich auf seine Weise zu Wort. Manche Ungeborenen strampeln heftig, in vielen Fällen können werdende Mütter diese körperlichen Aktivitäten sogar direkt auf bestimmte Situationen zurückführen. So weiß man inzwischen, dass das Kind im Mutterleib spätestens in den letzten zwei Schwangerschaftsmonaten Geräusche hört, sodass ihm die Stimmen von Mutter und Vater, ihr Lachen und ihr Singen vertraut werden. So entsteht schon im Lauf der letzten Schwangerschaftswochen zunehmend ein Austausch von Signalen.

 

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© TawnyNina/ pixabay

Wie entsteht eine sichere Bindung und welche Vorteile ergeben sich dadurch für das Kind?

Studien haben ergeben, dass bei Kleinkindern im Alter von 12 bis 18 Monaten vier Bindungsmuster erfasst werden können. Nähere Informationen dazu sind hier zu finden. Die „sichere Bindung“ gilt im Bereich der emotionalen und psychosozialen Entwicklung als bester Start ins Leben. Eine solche entsteht, wenn ein Kind als erstes Gefühl auf dieser Welt spürt, dass es geborgen ist, dass es dazugehört und dass es gut aufgehoben ist. Dann entsteht ein tiefes Grundvertrauen, dass es in sich trägt und ins Leben hinaus später mitnimmt. Bonding ist der Fachausdruck für dieses Phänomen der frühen Bindung zwischen Kind und Eltern. Menschen, die auf diese Weise eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen aufbauen konnten, sind damit fürs ganze Leben reich beschenkt und gestärkt. Sie entwickeln durch diese Beziehung Vertrauen in sich selbst und ins Leben. Sie haben es leichter als andere, gesund und mit einem stabilen Selbstwertgefühl in die Welt hinauszugehen, bei Schwierigkeiten standfest zu bleiben und gute Beziehungen aufzubauen. Ein Grundgefühl der Sicherheit begleitet sie.

Den größten Stellenwert für die Bildung einer solchen sicheren Bindung kommt der elterlichen Feinfühligkeit zu, d.h. ihrer Sensibilität für die Bedürfnisse des Kindes. Feinfühligkeit im Umgang mit dem Kind bedeutet, seine Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und angemessen und sofort darauf zu reagieren. Sofort bedeutet innerhalb von 2-3 Sekunden, d.h. gleich nachzuschauen, wenn sich der Säugling meldet und nicht erst einmal länger Schreien lassen.

Wie können Eltern eine sichere Bindung zum Kind fördern?

Eltern können eine sichere Bindung bei ihrem Kind fördern, indem sie feinfühlig  dessen Signale erkennen und darauf reagieren. Ein feinfühliger Umgang bedeutet, nicht perfekt zu sein, sondern überwiegend auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Eltern sollten dabei auf ihre elterliche Intuition vertrauen! Die Natur hat das Verhalten der Eltern auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmt. So stellen sie sich mimisch und gestisch auf ihr Baby ein, öffnen die Augen weiter, sprechen mit höherer und langsamerer Stimme, wiederholen Gesagtes und ahmen Laute nach. Die Aufnahmemöglichkeit eines Säuglings ist begrenzt, da sie schnell ermüden und feinfühlige Eltern passen ihr Verhalten daran an. Stillen fördert vor allem die Bindung zwischen Mutter und Kind. Es ist ein Fundament fürs Leben. Muttermilch ist aber auch ganz praktisch: Sie ist immer verfügbar, wohltemperiert und kann nicht schlecht werden. Frauen, die lange gestillt haben, erkranken seltener an Brustkrebs. Auch Kuscheln stärkt die Eltern-Kind-Beziehung. Ob beim Waschen oder beim Baden, beim Anziehen oder beim ins-Bett-gehen – eine Gelegenheit zum Kuscheln findet sich immer. Später ergreift dann oft das Kind die Initiative. Wenn Mama und Papa am Wochenende ausschlafen können, krabbelt das kleine Familienmitglied morgens ins elterliche Bett, ums sich dort seine Kuscheleinheiten abzuholen. Gemeinsames Singen, Schwingen, Musizieren wirkt bindungsstärkend. Einige Anregungen zu Fingerspiele, Kniereitern, Kinderliedern und kurzen Reimen findest du hier.

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© jakobking85 / pixabay

 

Hilfe bei Anfangsschwierigkeiten

Es ist nicht immer leicht, die Signale zu entschlüsseln: Ein exzessiv schreiendes, schlecht schlafendes oder schwierig zu fütterndes Baby kann seine Eltern an den Rand der Belastbarkeit bringen. Dann ist es gut, frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit sich keine negativen Erfahrungen im Säuglings- und Kleinkindalter einprägen und das weitere Leben beeinflussen. Die Frühen Hilfen sind eine solche Beratung, die im interdisziplinären Team Eltern berät, bevor aus einem kleinen Problem ein großes wird, dass die Vater- oder Mutter-Kind-Beziehung negativ belastet. Hilfreich können auch die Safe-Kurse für Eltern sein, die deutschland- und österreichweit angeboten werden.

Buchempfehlungen:

  • Ahnert (2010): Wie viel Mutter braucht ein Kind? Bildung, Bindung, Betreuung – öffentlich und privat
  • Borke & Gernhardt (2010): Babysprechstunde – Antworten auf die wichtigsten Fragen rund ums Baby
  • Gerber (2007): Dein Baby zeigt dir den Weg
  • Hüther & Cornelia (2008): Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden
  • Largo (2010): Babyjahre: Die Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren
  • Pikler & Tardos (2009): Miteinander vertraut werden: Wie wir mit Babys und kleinen Kindern gut umgehen – ein Ratgeber für junge Eltern
  • Sears (2012): Das Attechment Parenting Buch: Babys pflegen und verstehen
  • Stadelmann (2005): Die Hebammensprechstunde

 

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