Orientierung fürs Leben – Wertevermittlung bei Kindern / Teil 2

Kindern Werte mit auf den Wegen geben, das wollen die meisten Eltern. Doch welche Werte sind in der Erziehung wichtig und wie können wir diese im Zusammenleben mit unseren Kindern sichtbar machen und wie können Eltern ihre Kinder beim Ausbau ihres Wertverständnisses unterstützen? Diese Fragen greift Teil 2 auf und baut dabei auf Teil 1 der Artikelreihe „Orientierung fürs Leben – Wie Eltern ihren Kindern glaubhaft Werte vermitteln können“ auf.

Auch wenn es sich sicher viele Eltern wünschen würden, es gibt keine allgemeingültigen Werte, die für alle Länder und Kulturen gleichermaßen gelten! Werteerziehung ist immer persönlich und stark geprägt von der eigenen biographischen Erfahrung der Eltern.

Unter den Fachleuten ist es jedoch mittlerweile unumstritten, dass es gewisse Werte gibt, die die Grundpfeiler einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung bilden. Es gibt Werte, die Orientierung und Halt geben ohne einzuengen, die ein gesundes Leben innerhalb einer Gesellschaft ermöglichen.

Was Familien trägt – 5 Werthaltungen nach Jesper Juul

Besonders treffend beschreibt Jesper Juul diese Grundpfeiler. Jesper Juul ist ein dänischer Familientherapeut und Erziehungsberater, der auch Elternratgeber zum Thema „Werte in der Familie“ geschrieben hat.

Er legt den Eltern insbesondere 5 Werthaltungen ans Herz, die sie ihren Kindern vermitteln sollten:

1. Gleichwürdigkeit: meint dabei, dass sich Eltern und Kinder grundsätzlich „von gleichem Wert“ oder mit demselben Respekt gegenüber der persönlichen Würde des Anderen begegnen sollten, da dies die Beziehung zueinander sehr stark fördert. Gleichwürdigkeit sollte allerdings nicht mit Gleichheit verwechselt werden, bei der die Eltern ihre verantwortliche Rolle den Kindern gegenüber nicht wahrnehmen.

2. Integrität: wird eine Haltung beschrieben, bei der Menschen in Übereinstimmung mit ihren eigenen Werten leben und ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen und die der anderen beachten.

3. Authentizität: definiert Jesper Juul als Echtheit und Glaubwürdigkeit. Bei authentischen Eltern erleben Kinder eine Übereinstimmung zwischen dem inneren Erleben der Eltern und ihrem Ausdruck.

4. Verantwortung: Jemand der sich verantwortlich zeigt, setzt sich für sich im gleichen Maße ein (Eigenverantwortung) wie für andere. Er begreift sich als Jemand, der die Ursache ist für das, was ihm passiert, erlangt dadurch ein Selbstwirksamkeitsgefühl und bildet nicht so schnell eine „Opferhaltung“ aus.

5. Gemeinschaft: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das ein elementares Bedürfnis von Menschen ist und daher nach Juul von Eltern unbedingt an ihre Kinder vermittelt werden sollte.

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Forschungsergebnisse zu bewährten Werten in der Kindererziehung

Repräsentative Elternbefragungen im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ergaben nachfolgende Werteranglisten zu bewährten Werten in der Kindererziehung. Diese sind zusammengefasst im Monitor Familienforschung aus dem Jahr 2006 zu finden:

Werterangliste 1982 Werterangliste 1996 Werterangliste 2010 Werterangliste 2018
1. Selbstvertrauen 1.Selbstvertrauen 1.Ehrlichkeit 1.Höflichkeit und gutes Benehmen
2. Selbständigkeit 2. Selbständigkeit 2. Verlässlichkeit 2. Ordnung und Gewissenhaftigkeit
3. Lebensfreude 3. Ehrlichkeit 3. Hilfsbereitschaft 3. vielseitige Bildung
4. Ehrlichkeit 4. Lebensfreude 4. Selbstvertrauen 4. Durchsetzungsfähigkeit
5. Aufgeschlossenheit 5. Kontaktfähigkeit 5. Selbständigkeit 5. Hilfsbereitschaft

Man sieht: Es sind immer wieder ähnliche Werte, die als wichtig eingestuft werden. Was sich verändert im Zeitverlauf ist deren Rangreihe. Interessant ist die Prognose für 2018, nach der vor allem Werte dominieren, die das Individuum, weniger die Gemeinschaft, fokussieren. Hier wäre es spannend zu diskutieren, inwieweit diese tatsächlich eingetroffen ist.

Zudem lassen sich aus den Ergebnissen der repräsentativen Elternbefragungen fünf Wertetypen bei Eltern unterscheiden:

1.wertkonservative Materialisten: Tugenden wie Höflichkeit, gute Manieren, Fleiß sowie Wohlstand und Sicherheit im Fokus

2.Macher-Eltern: Kinder sollen sich gut darstellen, präsentieren und anderen gegenüber sich gut durchsetzen können

3.sozialidealistische Eltern: Kinder sollen soziale Eigenschaften, wie z.B. gute Kommunikationsfähigkeiten ausbilden – Freundschaften, Familie und Liebe sind wichtige Lebensbereiche

4.unauffällige Konventionalisten: Kindern soll es gut gehen und sie sollen nicht auffallen

5.moderate Hedonisten: schätzen Lebensfreude, Optimismus und Glücklichsein als die höchsten Werte ein

Es wird sichtbar: Die meisten Eltern tendieren zum hedonistischen Wertetyp, schätzen also besonders Lebensfreude, Optimismus und Glücklichsein als die höchsten Werte ein. Ganz generell sei an dieser darauf hingewiesen, dass es sich bei den fünf Wertetypen um keine klar voneinander trennbaren Gruppen handelt, sondern vielmehr wohl jeder Elternteil alle diese fünf beschriebenen Wertetypen in sich trägt, jedoch mit unterschiedlich starker Ausprägung.

Unsere Jugend schätzt traditionelle Werte

Auch wenn Öffentlichkeit oftmals den Eindruck vermittelt, es gäbe heutzutage einen Werteverlust: Untersuchungen belegen, dass dies gerade in Bezug auf junge Menschen nicht stimmt, sondern das Gegenteil der Fall ist: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass gerade Jugendliche über ein großes Wertebewusstsein verfügen; sie fordern sozialmoralische Regeln, die für alle verbindlich sind und an die sich alle halten.

Eine repräsentative Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung kommt zum Ergebnis, dass Jugendliche gerade konservative Werte wie Zusammenhalt, Respekt, Mitgefühl, Ordnung, Sicherheit und Heimat sehr schätzen. Jugendliche verfolgen ein Lebenskonzept, das auf einer pragmatischen Wertesynthese basiert: traditionelle Werte (Fleiß, Durchsetzungsvermögen) stehen nebeneinander mit „modernen“ Werten (Toleranz, Gerechtigkeit). Jugendliche sehen ihre Familien als Ort, wo Menschen innerhalb und zwischen den Generationen Rückhalt finden und Verantwortung füreinander übernehmen.

Diese Ergebnisse bestätigt auch die Shell-Jugendstudie, 2010.

Erklärungen und Predigten allein sind ohne gutes Beispiel nutz- und wirkungslos!

Kinder lernen in erheblichen Maße durch das, was sie bei den Erwachsenen sehen. Qualität der Beziehung entscheidet, in welchem Ausmaß Werte verinnerlicht werden.

Deshalb ist ein Nachdenken über eigene Wertorientierungen sinnvoll. Auch das Nutzen von Familienbildungsangeboten kann sinnvoll sein, bei denen Eltern mit Möglichkeiten bekannt gemacht werden, die Werteorientierung von Kindern fördern.

Ergebnisse der Gehirnforschung (Spitzer/ Hüther) zeigen, dass der Mensch sehr lange zum Erlernen von sozial kompetenten und moralisch richtigen Handeln braucht. Es wird auch deutlich, dass der Mensch nicht nicht lernen kann, d.h. alle Erlebnisse, Bilder, Geschichten und deren gleichzeitige Bewertung werden abgespeichert und beeinflussen die spätere Wahrnehmung und das daraus folgende Verhalten. Der Aufbau von Werteorientierungen erfolgt in Kindheit und Jugendzeit. Werteformierung und –differenzierung ist jedoch ein lebenslanger Prozess. Besonders relevante Periode für Werteformation ist das Alter ab 10 Jahren (zuvor sind Werte sprachlich zwar bekannt, aber in ihrer Komplexität noch nicht verstanden und in ihrem Handeln berücksichtigt).

Werte verankern sich im Gehirn durch Handeln und damit gemachte Erfahrungen –  Smartphone, Computer allein genügen nicht!

Werte entwickeln sich in der Auseinandersetzung mit der Umwelt, d.h. es lohnt sich, Kindern schon früh eine Vielfalt an Lernangeboten zu bieten. Dafür reicht nicht der Bildschirm vom Computer, Handy. In den Untersuchungen v. Spitzer/ Hüther beschreiben die beiden Neurobiologen, dass zwar das erste Erlernen von moralischen Handlungen über Belohnung und Bestrafung stattfindet. Später kommt jedoch die Nachahmung hinzu, die von den Erziehenden ein authentisches und konsequentes Handeln verlangt.

Es braucht konkrete Auseinandersetzungen mit den alltäglichen Herausforderungen. Ein kompetent an Werten ausgerichtetes Handeln findet erst später, in dem Prozess des Erwachsenwerdens statt. Logisch abstrakte Auseinandersetzung mit Werten führt in der Kindheit dabei nicht zu einem Verständnis von Moral. „Eine Wertediskussion kann man in der siebten Klasse nicht wirklich führen.“

Die Konsequenz: Kinder brauchen in dieser Phase gelebte Erfahrungen, offene Gespräche, kreative Zugänge zu Problemen und phantasievolle Lösungsansätze. Je mehr die Kinder in ein komplexes und kreatives Denken eintauchen, desto eher sind sie als Erwachsene in der Lage, eigenständig moralisch zu handeln.

Ganzheitliche Betrachtung des Wertebildungsprozesses wichtig

Kinder erwerben zunächst ein Verständnis einfacher moralischer Regeln. Darauf aufbauend entwickeln sie allmählich eine moralische Motivation. Hierbei ist der Erwerb der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme von zentraler Bedeutung. Perspektivenübernahme und moralisches Regelwissen bedürfen jedoch einer affektiv-motivationalen Orientierung am Wohlergehen anderer. Eine solche motivationale Orientierung bildet sich weniger aus der bloßen Kenntnis von Werten heraus, sondern vielmehr aus Erfahrungen der Selbstbildung sowie der Verknüpfungen mit Emotionen und Affekten. In diesem Sinne ist eine ganzheitliche Betrachtung des Wertebildungsprozesses notwendig: Der Erfolg von Wertebildung hängt von kognitiven und affektiv-emotionalen Aspekten ab.

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Werteerziehung ist eingebettet im Alltag!

Werteerziehung ist kein Lernprogramm, sondern muss eingebettet sein in den Alltag. Was Kinder und Jugendliche brauchen, ist Werte-Kompetenz statt blinder Werte-Übernahme! Ein erster Schritt dabei ist die Aneignung freiheitlich-demokratischer Grundwerte als gemeinsame Wertebasis. Die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen Werten und die Vielfalt der Lebensstile sind nur dann möglich, wenn eine gemeinsam geteilte Wertebasis wechselseitigen Respekt und Anerkennung sicherstellt und zugleich einen Orientierungsrahmen bietet, der dort Grenzen setzt, wo Diskriminierung beginnt und ein friedliches Miteinander in einer heterogenen, pluralistischen Gesellschaft gefährdet ist. Entscheidend ist als zweiter Schritt die Aneignung individueller Wertekompetenz. Sie hilft dem Individuum auch unter unübersichtlichen Bedingungen, den eigenen Lebensweg zu finden und mit der Vielfalt umzugehen.

Wertekompetenz zeichnet sich dadurch aus, sich mit widersprüchlichen Werten auseinandersetzen zu können, eigene Werthaltungen ausbilden, wertorientiert urteilen (Werturteilskompetenz) und handeln sowie konstruktiv mit Wertekonflikten umgehen zu können. Sie setzt ein Bündel von Fähigkeiten voraus, die somit im Rahmen von Wertebildung zu stärken sind, wie Empathie und Mitgefühl, Perspektivübernahme, Reflexions- und Urteilsfähigkeit, Konflikt- und Kooperationsfähigkeit.

Im Teil 3 der Artikelreihe „Orientierung fürs Leben – Wertevermittlung bei Kindern“ erfahrt ihr mehr darüber, warum Werteerziehung – so wie jede Erziehung – nur funktionieren kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und, worauf bei der Wertevermittlung besonders acht gegeben werden sollte. Zudem erhaltet ihr zahlreiche kreative Ideen und Anregungen, wie ihr euren Kindern im Alltag ganz ohne großen Aufwand und Kosten Werte näher bringen könnt.

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Autorenbox:

Katharina Theißig

– studierte Pädagogin, akad. Expertin Early life care, derz. im Masterstudiengang

– zertif. Elternbegleiterin und Sprachfördertrainerin

– Rainbowpädagogin bei Trennung und Scheidung

– Safe-Mentorin und bindungsbasierte Beraterin

– Finanzcoach

– Netzwerkmoderatorin der frühen Bildung