30 Jahre Startklar Soziale Arbeit – Im Interview mit dem Gesellschafter Heinz Schätzel

Es begann vor 30 Jahren ganz klein, nämlich mit einer privat initiierten Jugendwohngruppe in Freilassing, die sich dafür einsetzte, dass verhaltensauffällige Jugendliche eine Chance bekommen und resozialisiert werden. Heute ist Startklar Soziale Arbeit einer der bedeutsamsten freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe in der Region. Er verfügt über stationäre und teilstationäre Einrichtungen für Kinder und Jugendliche und ist in den Landkreisen Berchtesgadener Land, Traunstein, Mühldorf, Landshut, Rosenheim, Dingolfing, Altötting, Ebersberg und Landau mit ambulanten und stationären Hilfen im Bereich der Jugend- und Familienhilfe vertreten. Zudem werden verschiedenste innovative Projekte für Kinder, Jugendliche und Familien umgesetzt. Ich habe mich vor einiger Zeit mit Heinz Schätzel, Gesellschafter der Startklar Soziale Arbeit gGmbh auf ein persönliches Interview getroffen, um noch mehr darüber zu erfahren, warum gerade Kinder, Jugendliche und Familien in schwierigen Lebenssituationen passgenaue und flexible Hilfen brauchen und welche Angebote der anerkannte Jugendhilfeträger in der Region bereit hält. Hier am Blog habe ich Euch das Wichtigste unseres Gespräches zusammengefasst. 

 

Mit viel Engagement und Pioniergeist zum bedeutendsten Jugendhilfeträger in der Region

Alles begann 1988 mit einer Jugendwohngruppe, die Heinz Schätzel gemeinsam mit Iris Gruber, Gretel Helminger und Roland Berger in Freilassing gründete. Das Besondere an dieser in der damaligen Zeit war: sie lag inmitten eines Wohngebiets und im Fokus der Arbeit standen die Stärken und Kompetenzen von Jugendlichen, die aufgrund ihres psychosozialen Verhaltens von der Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben bedroht waren. Über viele Jahre hinweg hat sich gezeigt, dass sich bei der pädagogischen Betreuung von verhaltensauffälligen Jugendlichen vor allem kleine Betreuungseinheiten mit intensiver und stabiler Beziehungsarbeit bewährt haben, um deren Verhalten nachhaltig zu verändern.

Daran anknüpfend entwickelte die Jugendwohngruppe Schätzel verschiedenste Konzepte in den letzten Jahrzehnten: Anfang der 1990er Jahre startete das Segelprojekt Albatros I. in Holland, das den Grundstein für weitere Auslandsprojekte legte. Hintergrund dieser erlebnispädagogischen Unterstützungsangebote war, verhaltensauffällige Jugendliche auf See zu resozialisieren. Die Erfahrungen konnten es auch bestätigen, das längerfristige Segeltörns in besonderem Maße sinnvoll für junge Menschen sind, die Konflikten eher aus dem Weg gehen und dadurch in Probleme geraten sowie auch für Jugendliche, denen eine klare Kommunikation wie beim Segeln Halt gibt und sie selbst dadurch klarer kommunizieren lernen können. Ende der 1990er Jahre verlagerte sich der Fokus auf Hilfen vor Ort. Kinder und Jugendliche sollten in ihrer Heimat in Lebensverhältnissen aufwachsen können, in denen sie sich gut entwickeln. Die Flexiblen Hilfen wurden zunächst in der Region Landshut – Dingolfing ins Leben gerufen, später dann auch in Rosenheim und den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein. Das Konzept stammte von Thomas Kaltzekis vom Rauhen Haus in Hamburg. Die Flexiblen Hilfen waren sehr erfolgreich, weil sie zunächst den Kindern, Jugendlichen und Familien zugewandt waren und auf deren individuelle Bedarfe sehr flexibel eingingen.

Später dann setzte sich der Gedanke der Sozialraumorientierung durch. Gemeinsam mit dem Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) wurde ein sechstägiges Grundlagentraining entwickelt. Seit 2010 werden alle Mitarbeiter/-innen im Fachkonzept der Sozialraumorientierung geschult und trainiert, um eine einheitliche fachliche Grundlage und eine gemeinsame Haltung zur Sozialen Arbeit zu schaffen.

Startklar Soziale Arbeit gGmbH steht für Selbst sein, Mit Machen, Quer Denken und Voraus Schauen –  Menschen sollen nicht verändert werden, sondern sie ändern sich selbst auf der Grundlage ihres eigenen Willens und mit Hilfe ihrer eigenen Ressourcen verändern. Eine Beteiligung der Kinder, Jugendlichen und Familien ist Voraussetzung für gelingende soziale Arbeit. Es braucht Mut zu außergewöhnliche Ideen, ein Einmischen und Konfrontieren mit gesellschaftlichen Herausforderungen, um zu passgenauen Lösungen für Kinder, Jugendliche und Familien zu gelangen.

Tafel 2 1988_Wohngruppe_Schätzel_Freilassing
© Startklar Soziale Arbeit

Startklar Soziale Arbeit bietet seit vielen Jahren passgenaue, bedarfsgerechte, flexible und individuelle Hilfen für belastete Familien 

Gerade Kinder, Jugendliche und Familien in belasteten Lebenssituationen brauchen besondere Unterstützung. Kein Regelangebot, sondern flexible Angebote, die sich an den familiären Bedürfnissen orientieren und am individuellen Unterstützungsbedarf der Familie ansetzen. Startklar Soziale Arbeit gGmbH steht für kurzfristige, individuelle Lösungen, schnelle Reaktionszeiten, Zuverlässigkeit und gute Qualität.

Die Angebote des Jugendhilfeträgers im Detail:

  • Flexible Hilfen: Startklar Soziale Arbeit bietet jungen Menschen und Familien in krisenhaften Lebenssituationen bedarfsbezogene, lebensweltorientierte Einzelfallhilfen. Erfahrene PädagogInnen erarbeiten gemeinsam mit den jungen Menschen und Familien, wie es gelingen kann, mit den unterschiedlichen Anforderungen des Alltags so umzugehen, dass die notwendigen Lebens- und Erziehungsaufgaben gut bewältigt werden können.  Anliegen ist es, die KlientInnen bei der Bewältigung ihrer belastenden Alltagsanforderungen so zu unterstützen, dass sie Freiräume erhalten, um eine veränderte Sichtweise und damit neue Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei werden sie ermutigt, die eigene Motivation und bereits vorhandene Erfahrungen gelungener Problemlösungen zu nutzen. Die flexiblen Hilfen können auf Grundlage des § 27 SGB VIII beim zuständigen Jugendamt (Berchtesgadener Land, Traunstein, Landkreis Rosenheim, Stadt Rosenheim) beantragt werden.
  • stationäre Hilfen: Stationäre Hilfen in der Jugendhilfe sind Angebote für Kinder und Jugendliche, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihrem Elternhaus leben können. Sie finden dort rund um die Uhr eine liebevolle Umgebung und individuelle, verlässliche und qualifizierte Förderung. Startklar Soziale Arbeit gGmbH unterhält gegenwärtig neun stationäre Angebote – Erziehungsstellen, Wohngruppen und teilbetreutes Wohnen. All diese Angebote zeichnen sich durch eine verlässliche, reflektierte Beziehungsarbeit aus. Den Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit zur Beheimatung gegeben werden und sie sollen in einer miterziehenden Gemeinschaft aufwachsen. Dabei verfolgt Startklar Soziale Arbeit einen ressourcenorientierten, ganzheitlichen Ansatz und unterstützt damit die gesunde und förderliche Entwicklung benachteiligter Kinder und Jugendlichen in Deutschland.
  • Schulbegleitung: Schulbegleitung ist eine ambulante Form der Eingliederungshilfe für behinderte oder von einer Behinderung bedrohte junge Menschen gemäß den Ausführungen des § 4 SGB IX zu den Leitungen zur Teilhabe. Neben Kinder mit Autismus finden sich heute unter den Antragstellern auch zahlreich Kinder mit einer ADHS-Diagnose, Kinder mit „verhaltensauffälligen“ Verhalten bis hin zu Kindern mit psychosozialen Auffälligkeiten.
  • Jugendsozialarbeit an Schulen: Die Jugendsozialarbeit als Leistung der Jugendhilfe gemäß § 13 SGB VIII findet im System Schule statt und umfasst soziale Gruppenarbeit, Einzelfallhilfe, Elternarbeit, Projektarbeit, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit. Ziel ist es, jungen Menschen sozialpädagogische Hilfen anzubieten, die dem Ausgleich sozialer Benachteiligung oder der Überwindung individueller Benachteiligungen dienen. Damit tragen die JaS-Fachkräfte zu einer Verbesserung des sozialen Zusammenhalts unter den Schülern und Schülerinnen und deren sozialen Kompetenzen bei. Startklar Soziale Arbeit bietet gegenwärtig an zwei Schulen in Oberbayern (Mittelschule Freilassing) ein entsprechendes Angebot an.
Unterstützung, die ankommt!
© Startklar Soziale Arbeit
  • verschiedenste Projekte in der Region: Startklar Soziale Arbeit hat in den letzten Jahren den Fokus auf die Gemeinwesenarbeit gelegt und es sich zum Ziel gemacht, Ressourcen vor Ort zu nutzen, lokale Netzwerke zu stützen und das Freiwilligenengagement in den Gemeinden zu aktivieren. So sind verschiedenste Projekte entstanden, wie zum Beispiel das Mehrgenerationenhaus in Freilassing, um den Zusammenhalt außerhalb der Familien zu stärken; Freiwilligenagenturen im Berchtesgadener Land sowie in Rosenheim als Koordinationsstellen für Bürgerschaftliches Engagement; Familie in Bewegung in Rosenheim, das Bürgerinnen und Bürgern aus Rosenheim die Möglichkeit bietet, Sport oder Freizeitangebote wahrzunehmen, ohne an einen Verein gebunden zu sein; Patenprojekte für Flüchtlinge, die die Begegnung zwischen Flüchtlingen und Einheimischen fördern, um soziale Teilhabe möglich zu machen; Pumperlsgsund, unter dessen Motto im ganzen Jahr Aktionen und Aktivitäten im Rosenheimer Westen durchgeführt werden, um die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern zu fördern; im Rahmen von JuMeGA® werden junge Menschen in Kooperation mit dem Amt für Kinder, Jugend und Familie Traunstein in Gastfamilien vermittelt, ein Gemeinschaftshaus für junge Flüchtlinge in der Gemeinde Stephanskirchen sowie auch Der Laden in Freilassing, der Ort für Ehrenamtliche, kleine Veranstaltungen und Aktionen ist und das Engagement der kleinen und mittleren Handwerksbetriebe, der Gastronomie und des Einzelhandels, die einen großen Beitrag bei der Integration junger Menschen in den Landkreisen leisten, unterstützt.
  • verschiedenste Projekte im Ausland: Startklar Soziale Arbeit engagiert sich auch im Ausland – beispielsweise mit dem Zanza Schülerheim in Benin (Westafrika). Hier werden Kinder und Jugendliche gefördert, deren Eltern sich eine Schulausbildung für ihre Kinder nicht leisten können oder wollen. Im Schülerheim finden sie Unterstützung, sodass sie das Abitur und danach einen Hochschulabschluss oder einen Berufsabschluss anstreben können.
  • Startklar Akademie: Seit vielen Jahren bietet Startklar Soziale Arbeit eigene Fortbildungen und Fachtage an. Zunächst nur punktuell und auf die Bedürfnisse der eigenen Mitarbeiter/-innen ausgerichtet. Seit 2017 gibt es nun eine eigene Startklar Akademie, die auch von Mitarbeiter/-innen anderer Träger in Anspruch genommen werden kann. Die Veranstaltungen finden in unterschiedlichen Formate statt – Trainings, in denen Methoden trainiert werden; Fortbildungen, in denen praktische und theoretische Inputs gegeben werden; Werkstattgespräche, in denen Fragen diskutiert werden können, um gemeinsame Haltungen, Arbeitsansätze und Lösungen zu entwickeln sowie auch Fachtage, die Raum zur Auseinandersetzung bieten mit Themen, die aktuell bewegen. Das ausführliche Programm der Startklar Akademie ist hier einsehbar. 

Das Team von Startklar Schätzel ist multiprofessionell aufgestellt. Dazu gehören beispielsweise SozialpädagogInnen, Diplom (Bachelor-/ Master) PädagogInnen, HeilpädagogInnen, ErzieherInnen, die spezielle Zusatzqualifikationen erworben haben. Alle Mitarbeiter/-innen werden zudem nach dem Fachkonzept der Sozialraumorientierung qualifiziert, sodass eine gemeinsame fachliche Ausrichtung und Haltung entstehen kann. Durch das multiprofessionelle Team können unterschiedliche Blickwinkel auf die Lebenslage der Familien zusammengetragen werden und so eine passgenaue Betreuung und Begleitung im regionalen Versorgungsnetzwerk vermittelt werden.

Gemeinsam an einem Strang ziehen
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Startklar Soziale Arbeit ist anerkannter Jugendhilfeträger und nimmt damit Einfluss auf die regionale Kinder-und Jugendhilfepolitik

Bewährtes weiterführen und neue Akzente setzen

Wie mir Heinz Schätzel verraten hat, ist die Arbeit im Bereich der ambulanten und stationären Jugendhilfe seit Jahren Kerngeschäft bei Startklar Soziale Arbeit und soll es auch die nächsten Jahre bleiben. Besonders die Schnittstelle zwischen ambulanten und stationären Hilfen soll mehr dem Bedarf der Kinder, Jugendlichen und Familien angepasst werden. Moderne Hilfen unterscheiden nicht mehr in ambulant und stationär, sie passen sich den Lebensverhältnissen der Familien an, sie haben allenfalls ambulante und stationäre Anteile, je nachdem, was die Situation erfordert.  Außerdem steht Startklar Soziale Arbeit vor der Herausforderung, neue Wohnformen zu schaffen, zum Beispiel für Menschen mit Behinderung, für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, auch für alte Menschen. Bezahlbarer Wohnraum und flexibel betreute Wohnformen sind Herausforderungen, denen sich auch Sozialbetriebe künftig stellen sollten. Langfristig wäre es wünschenswert, wenn sich die Finanzierungsformen in der Sozialen Arbeit ändern. Gefragt sind Modelle, bei denen nicht die Einrichtungen finanziert werden, welche „schwierige Fälle“ aufnehmen, weil sich dadurch die Probleme eher vergrößern anstatt verringern, weil Einrichtungen davon finanziell profitieren. Vielmehr sollte sich die Finanzierung eher auf die Vermeidung von Problemen fokussieren. Hier haben sich zum Beispiel Sozialraumbudgets – wie zum Beispiel in der Stadt Rosenheim – sehr bewährt. Eine weitere Herausforderung ist die Gewinnung und Ausbildung von gut qualifizierten Fachkräften. Hier wäre zu wünschen, dass der Wert der Sozialen Arbeit in unserer Gesellschaft erkannt wird und die Mitarbeiter/-innen in diesem Tätigkeitsfeld für ihre so wichtige Arbeit entsprechend ideell und auch monetär gewürdigt werden.

Im Gespräch mit:

Heinz Schätzel ist dipl. Pädagoge und Sportwissenschaftler. Die Startklar Gruppe ist Dach für die gemeinnützigen Jugendhilfeträger Startklar Soziale Arbeit, Startklar Oberbayern, Startklar Niederbayern sowie Jonathan Soziale Arbeit. Der Dachverband hat sich zum Ziel gesetzt, Kinder, Jugendliche und Familien in schwierigen Lebenssituationen mit passgenauen Hilfen zu unterstützen. Kerngeschäft sind die Angebote im Bereich der ambulanten und stationären Jugendhilfe. Dabei kommt dem Fachkonzept der Sozialraumorientierung große Bedeutung zu.

StartKlar - Portraits
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